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Zwei Zeilen – sechs Silben. Tanketki: ein neues poetisches Genre entsteht im Netz

Das Internet-Literaturprojekt Tanketki: Zwei Zeilen – sechs Silben feiert in diesem Jahr sein fünfjähriges Jubiläum. 2003 gründeten Aleksej Vernickij und Georgij Zherdev die Tanketki als Spezialprojekt der russischen elektronischen Literaturzeitschrift Setevaja slovesnost’ (Netzsprachkunst). Und starteten damit den ungewöhnlichen Versuch, ein neues poetisches Genre in die russische Literatur einzuführen. Die Benennung als Tanketki verweist auf die japanische Gattung der Tanka, eines fünfzeiligen Gedichts, das sich inhaltlich durch meditative Naturszenen und eine offen assoziative Konstruktion auszeichnet. Als Miniatur der Miniatur darf eine Tanketka nur sechs Silben umfassen, die sich auf zwei Zeilen verteilen. Und zwar entweder nach dem Muster 2 + 4 oder 3 +3. Dabei dürfen nicht mehr als fünf Worte und keine Satzzeichen verwendet werden.

krankte
Staub auf dem Buch

(Roman Savosta)

болел
пыль на книге

(Роман Савоста)

Ein unerfüllbares und überzogen schwieriges, künstliches Regelwerk, so könnte man vermuten? Doch die Attraktivität der neuen Gattung liegt gerade in ihrer formalen „Schwere“, wie ihr Erfinder Aleksej Vernickij deutlich macht. Die Künstlichkeit der Konstruktion werde zudem dadurch relativiert, dass die Tanketki in einem Atemzug geschrieben und gesprochen werden könnten. (Der deutschen Sprache ist das Genre der Tanketka im übrigen eher fremd, da die grammatisch und stilistisch notwendigen Artikel die Anzahl der Silben und der Worte zwangsläufig in die Höhe treibt).

Die Aktivität auf der Homepage scheint Vernickijs Einschätzung zu bestätigen. In den vergangenen fünf Jahren sind Tausende Tanketki geschrieben worden und sogar einige Buchpublikationen entstanden. Auch erste literatuwissenschaftliche Publikationen widmen sich dem Phänomen. Vernickij steht unter den Interpeten an erster Stelle – aus der Form sei ein Genre geworden, das mittlerweile über eine eigenständige inhatliche Profilierung verfüge. Die Tanketki stellen eine Kurzform zwischend den japanischen Hokku und den in der russischen Literatur beliebten Einzeilern (odnostishie) dar. Während die Hokku-Miniaturen meditative Reflexionen darstellen, oft basierend auf Momentaufnahmen aus der Natur, sind die poetischen Einzeler durch einen ironisch gebrochenen, philosophischen Charakter gekennzeichnet. Die Tanketki, so Vernickij, bewegen sich in der Mitte zwischen beiden Genres – vereinen das mystisch Offene der Hokku mit dem subjektiv-analytischen Blick der poetischen Einzeiler. Das lyrische Ich der Tanketki, das ungeachtet der Kürze der Texte durchaus in Erscheinung trete, definiert Vernickij als den „leisen Helden unserer Zeit“ (этого тихого героя нашего времени) – einen melancholisch-müden, hedonistisch-medienkompetenten, computerisierten Zeitgenossen. Und so verwundert es nicht, dass Internet und Computer motivisch ihren Platz in den lyrischen Miniaturen finden:

zur nacht
herausgemailt

(Viktor Kljuchnikov)

на ночь
помейлился

(Виктор Ключников)

***

frühstück
asche in taste

(Vladimir Eroshin)

завтрак
клава в пепле

(Владимир Ерошин)

***

bräutigam
im laptop

(Valentina Ermakova)

жених
из лаптопа

(Валентина Ермакова)

Der Bezug zur Netzkultur ist jedoch keinesfalls nur inhaltlicher Art. Vielmehr stellt sich die Frage, ob vergleichbare Prozesse einer poetischen Genre-Bildung in kürzester Zeit, über einen Zeitraum von nur wenigen Jahren, außerhalb des Internet überhaupt möglich wären!? Die Intensität der Kommunikation über die Homepage und die Globalität des Projekts sind ohne die Vernetzungsstrukturen nicht denkbar:

„Als Wiege der Tanketki kann man ihre eigene Rubrik in der Netzzeitschrift „Setevaja slovesnost’“ bezeichnen – mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass fast alle Tanketki dort versammelt sind. Wenn ein Dichter eine neue Tanketka schreibt, dann wird er sie mit ziemlicher Sicherheit hierher schicken, denn auf dieser Site werden die Tanketki diskutiert, auf dieser Site lernt man voneinander und teilt die eigenen Entdeckungen und Erfindungen. Die Statistik zeigt, dass auf dieser Seite alle drei Studen eine neue Tanketka erscheint.“

"Колыбелью танкеток является их собственный раздел на сайте "Сетевая словесность" - можно смело утверждать, что почти все танкетки есть там. Когда поэт пишет новую танкетку, он почти наверняка присылает ее туда, потому что на этом сайте обсуждают танкетки, на этом сайте учатся друг у друга и делятся находками. Статистика показывает, что на этом сайте появляется новая танкетка каждые три часа."

Links: http://26.netslova.ru/
http://26.netslova.ru/FirstAnniversary
http://magazines.russ.ru/nlo/2006/78/ul25.html
http://magazines.russ.ru/arion/2007/1/ve21.html

H.S.

Comments

Спасибо, Энрика! Прочитал с трудом, но с большим интересом. Я очень рад, что Вы обратили внимание на проект.
Теперь Вы, к тому же, автор первых переводов танкеток на другие языки!

танкетки на немецком

Дорогой Георгий,

спасибо! Я сама очень рада, что в конце коцнов руки дошли до танкеток. Действительно - феномен очень интересный. И сами танкетики бывают весьма "симпатичными", удивительно содержательными для такой миниатюрной формы. На немецкий язык они однако переводятся только с трудом. Грамматический строй - вездесущие артикли - сильно мешает :). Ну, буду стараться ...

Удачи вам, до скорого, Энрика
Спасибо! Надеемся на продолжение! Успехов Вам!

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