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Gedanken über den Tod unter völlig unpassenden Bedingungen

"Über den Tod habe ich zum ersten Mal unter völlig unpassenden Bedingungen nachgedacht. Ich war neun Jahre alt und verbrachte die Sommerferien bei meiner Tante auf dem Dorf. Ich saß also eines Abends dort und las ein Buch von Thor Heyerdahl, entweder Aku-Aku oder Kon-Tiki, und die Tante saß mir auf dem Bett gegenüber und schnitt sich die Fußnägel.

Ich ließ mich für eine Minute von meinem Buch ablenken und plötzlich kam mir der folgende Gedanke: „Eines Tages wird sie sterben“ (die Tante ist jetzt übrigens gut jenseits der Neunzig und bei guter Gesundheit, was ich ihr auch weiterhin wünsche). Nun, ich wusste natürlich schon früher, dass die Menschen sterben, wusste es aber irgendwie rein theoretisch. Sie sterben halt so irgendwo dort draußen, oder auch nicht. Was sich die Erwachsenen eben alles so ausdenken.

Aber plötzlich verstand ich, dass es die Wahrheit war: da sitzt, nehmen wir einmal an, die Tante, sitzt dort – und auf einmal, zack, ist sie tot.

Dieser Gedanke beeindruckte mich dermaßen, dass ich zwei Tage in solcher Erschütterung verbrachte, dass ich Zahnschmerzen bekam. Ein Zahn schmerzte die ganze Woche ohne Unterbrechung. Von Zeit zu Zeit stopfte man mir eine Tablette Analgin in den Mund, dann schmerzte der Zahn weniger, aber der Schmerz verging nicht, sondern versteckte sich nur hinter dem nächsten Zahn und ich konnte das schon nicht mehr unterscheiden – wo sitzt der Schmerz, wo der Tod.

Einige sagen, die Kindheit wäre eine glückliche Zeit. Sie haben ein Scheiß-Gedächtnis. Darum."
http://dimkin.livejournal.com/442119.html

Am 25. März ist der russische Autor, Illustrator und Blogger Dmitrij Gorchev selbst unter "völlig unpassenden Bedingungen" in seinem Haus im Dorf Gostilovo, Gouvernement Nevel, gestorben. Ich habe Dmitrijs Blog über Jahre mit professionellem Interesse und persönlicher Freude gelesen, immer wieder einzelne seiner Posts hier in unserem Blog übersetzt, die schräge Lakonie seiner Bemerkungen und Sprünge seiner Phantasie genießend. Dem Runet geht mit Dmitrij Gorchev eine der faszinierendsten Blogger-Persönlichkeiten verloren. In den über tausend Kommentaren zu seinem letzten Eintrag - wo kann man in St. Petersburg in Zeiten der allgegenwärtigen Digitalisierung noch einen Schwarz-Weiß-Film entwickeln lassen - nehmen seine "friends" Abschied von ihrem "country-blogger". Und auch ich kann/muss jenseits akademischer Reflexion spüren, wie persönlich nahe einem der Verlust einer Person gehen kann, die man außerhalb des Internet nie kennengelernt hat.

H.S.

Einige Übersetzungen von Texten Gorchevs ins Englische und Deutsche finden sich hier.

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